Augustinus, Sermones 20

Marta und Maria (Lk 10,38-42)

Das Verhalten von Marta ist unser Leben, das Verhalten von Maria unsere Hoffnung  

 

Dürfen wir wohl Marta verurteilen, weil sie die Gäste bedient hat und damit eben auch unseren Herrn selbst? Wie könnten wir sie - vernünftigerweise - tadeln, weil sie für einen so hohen Gast ganz in Festesstimmung war? Wenn wir das könnten, müssten all die ihren Dienst aufgeben, die für Bedürftige arbeiten, um sich den besseren Teil zu wählen, den man ihnen nicht nehmen darf. Alle würden sich dem Studium der Hl. Schrift hingeben,mit gleicher Begierde die Lehre des Nichtstuns und der süßen Worte auskosten,und sich mit dem Wissen der Heilung beschäftigen. Es wäre dann für niemanden wichtig, ob da auf der Straße ein Pilger wäre, ein Hungernder, ein Nackter, einer der besucht werden sollte, einer der losgekauft oder beerdigt werden müsste. Die Werke der Barmherzigkeit würde man vernachlässigen und sich nur demWissen hingeben. Wenn das der bessere Teil ist, warum wählen wir ihn dann nicht alle, wenn wir damit sogar unseren Herrn selbst auf unserer Seite haben? Wir brauchen nicht zu fürchten, dass wir dann seine Gerechtigkeit verteidigen müssten,weil wir sein Wort haben.

Aber, pass gut auf…, “du bist mit vielen Dingen beschäftigt, aber nur eine Sache allein ist notwendig. Maria hat den besseren Teil erwählt.“ Du hast nicht schlecht gewählt, aber sie hat besser gewählt. Warum besser? Statt mit dem Einen beschäftigst du dich mit vielen Dingen, jene aber nur mit einer Sache. Sie zieht die eine Sache den vielen Dingen vor. In der Tat, nicht aus den vielen Dingen entstammt das Eine, sondern aus dem Einen kommt das Viele. Viele Dinge sind es, die geschehen sind, aber Einer allein hat sie gemacht. „Gott hat alles gemacht, und siehe, es war alles gut.“Es war alles sehr gut, was er gemacht hat. Um wie viel besser war Der, Der es gemacht hat? Deshalb lasst uns aufmerksam unsere vielen Verpflichtungen prüfen.Notwendig ist der Dienst an solchen, die sich stärken müssen: Warum? Weil man eben Hunger hat und Durst. Das Bedürfnis verlangt Aufmerksamkeit. Gib das Brot dem Hungrigen, weil du einen Hungrigen getroffen hast. Im zukünftigen Leben wird es diese Bedürfnisse nicht mehr geben. Deshalb werden wir – folgerichtig –auch nicht mehr diese Verpflichtungen haben. Marta hat gut daran getan, den Herrn mit seinen körperlichen Erfordernissen zu bedienen. Ich könnte nicht sagen, ob sie notwendig oder freiwillig gewählt waren oder umgekehrt. Der Herr verurteilt ja die Arbeit auch nicht, sondern er unterscheidet ihre jeweiligeVerpflichtung. „Du bist mit vielen Sachen beschäftigt, sagt er zu ihr; aber nur das eine ist notwendig“. Maria hat das für sich schon gewählt: Die Vielfalt derAufgaben vergeht, die Liebe der Einheit bleibt. Deshalb wird ihr das, was sie gewählt hat, nicht weggenommen werden; während dir – und das ist folgerichtig- das weggenommen wird, was du gewählt hast. Aber es wird dir etwas Gutes weggenommen,um dir etwas noch Besseres zu geben. Dir wird die Arbeit genommen, und die Ruhe wird dir gegeben. Du fährst gerade mit dem Schiff auf dem Meer, während sie schon im Hafen angekommen ist. Brüder, ihr seht, und ich kann mir vorstellen, dass ihr es auch schon versteht: In diesen beiden Frauen sind zwei Leben symbolisiert, das gegenwärtige und das zukünftige, das mit Arbeit verbundene und das friedvolle, das mühsame und das selige, das zeitliche und das ewige. Beide sind gut; beide - so sage ich – sind lobenswert; aber das eine ist Plage, das andere ist Aussöhnung. In Marta haben wir das Bild unserer gegenwärtigen Situation, in Maria das Bild der zukünftigen. Das Verhalten der Marta ist unser Leben; das Verhalten von Maria ist unsere Hoffnung. Versuchen wir also jetzt gut zu leben, um das, was wir erhoffen, in Fülle zu erlangen. Dadurch, dass ihr Eure Aktivität aufgegeben, die familiären Dringlichkeiten an den Rand geschoben, euch hier versammelt habt, und jetzt hier zugegen seid, hört: indem ihr das tut, stellt ihr Maria dar. Wenn ihr von vielen Beschäftigungen belastet seid, dann ist das die Arbeit der Marta. Ja, Marta sind wir doch tatsächlich alle. Denn wer kann, in der Tat, ohne Aufgaben sein? Wer hat keine Besorgungen zu erledigen? Arbeiten wir deshalb mit Ehrlichkeit und arbeiten wir mit Liebe: Dann wird auch die Zeit kommen, in der wir ausruhen dürfen. Dann wird Christus kommen und uns bedienen. Die Arbeit geht vorbei und es kommt die Ruhe. Aber nur durch die Arbeit werden wir zur Ruhe kommen. Verlasse das Schiff und geh der Heimat entgegen; aber nur mit dem Schiff kann man zur Heimat gelangen.