Augustinus, Kommentar zu Psalm 61 (Nokturn,1. Fastensonntag)

In Christus wurden wir versucht, und in IHM haben wir den Teufel besiegt

(Es war die Augustinuspredigt am ersten Fasten-Sonntag 2014, an dem Marion und Martina mit Peter und Ludwig zu mir nach Cascia kamen.)

 

„Gott, höre mein Flehen, achte auf mein Beten“ (Ps 61,2)! Wer ist es, der da spricht? Man könnte meinen, es sei eine einzige Person. Aber achte einmal aufmerksam darauf, ob es sich wirklich nur um eine Person handelt. Denn es heißt doch auch: „Vom Ende der Erde schreie ich zu dir; denn mein Herz ist verzagt“ (Ps 61, 3).

Also kann es sich nicht nur um ein einzelnes Individuum handeln. Und doch geht es insofern um Einen, als mit diesem Einen Jesus Christus gemeint ist, dessen Glieder wir alle sind. Denn ist es nicht so: Wie könnte eine einzige Person von den Enden der Erde schreien? Und wer könnte sonst von den Enden der Erde schreien als jenes Erbe, von dem der Sohn selbst gesprochen hat: „Fordere von mir, und ich gebe dir die Völker zum Erbe, die Enden der Erde zum Eigentum“ (Ps 2,8).

Also ist es dieser Besitz Christi, dieses Erbe Christi, dieser Leib Christi, diese eine Kirche Christi, diese Einheit, die wir alle miteinander sind, die von den Enden der Erde schreit.

Und was schreit sie? Das, was ich schon oben sagte: „Gott, höre mein Flehen, achte auf mein Beten; von den Enden der Erde rufe ich zu dir.“ Das heißt, wenn ich zu Dir geschrien habe, da habe ich von den Enden der Erde geschrien: und das heißt, von jedem Ort aus.

Aber warum habe ich das getan? Weil mein Herz in Not ist. Unter allen Völkern und auf der ganzen Erde scheint sich dieses Herz nicht in glückseliger Herrlichkeit zu befinden, sondern oft mitten in großen Prüfungen.

Tatsächlich kann unser Leben auf dieser irdischen Pilgerschaft nicht ohne Prüfungen sein, und sogar die Reifung unseres Lebens hängt mit den Versuchungen zusammen. Niemand kann sich selbst finden und erkennen, wenn er nicht versucht wird. Er kann nicht gekrönt werden ohne gesiegt zu haben. Und er kann auch nicht siegen ohne zu kämpfen. Aber da, wo es um einen Kampf geht, da muss es auch einen Feind, eine Prüfung geben.

Und es ist so, wenn da einer schreit von den Enden der Erde, dann ist er natürlich in Not, aber er wird darin nicht allein gelassen. Denn der Herr wollte unsere menschliche Gestalt annehmen, sodass er das Auf und Ab eines wirklichen Körpers erlebte, in dem er starb, auferstanden und zum Himmel gefahren ist, und wir dadurch sein mystischer Leib werden konnten. Deshalb dürfen seine Glieder in gleicher Weise hoffen, dass auch sie dorthin gelangen werden, wohin ihnen ihr Haupt schon vorausgegangen ist.

Also trägt ER uns auch schon geheimnisvoll in sich, als er vom Satan versucht werden wollte. Haben wir doch gerade jetzt im Evangelium (Mt 4,1-11) gelesen, dass unser Herr Jesus vom Teufel in der Wüste in Versuchung geführt wurde. Genauer gesagt war es also zunächst Christus, der in der Wüste in Versuchung geführt wurde, aber mit IHM wurdest auch du in Versuchung geführt. Denn Christus nahm von dir dein sterbliches Fleisch an, und gab dir dafür von seinem Heil, er nahm von dir den Tod und gab dir sein Leben, er nahm von dir die Erniedrigung und gab dir von seinem Ruhm, also nahm er auch von dir deine Versuchung und nahm dich mit hinein in seinen Sieg.

Wenn wir also in ihm in Versuchung geführt worden sind, werden wir auch in ihm den Teufel besiegen. Du richtest deine Aufmerksamkeit auf die Tatsache, dass Christus versucht worden ist. Warum schaust du nicht lieber darauf, dass er auch gesiegt hat. Wenn es so war, dass du in ihm versucht worden bist, dann vergiss aber auch nicht, dass du in ihm siegen wirst. Er hätte eigentlich den Teufel weit weg von sich halten können, aber wenn er sich nicht hätte versuchen lassen, dann hätte er dich auch nicht das Siegen in der Versuchung gelehrt.

 

Christoph:

Ich wollte ja schon in meinem letzten Brief Mut machen, das Schreiben des Papstes Franziskus zu lesen. Inzwischen habe ich es selbst ganz gelesen, und bin immer noch - oder erst recht - sehr begeistert. Es ist wirklich das Wort eines liebevollen Vaters. Es baut auf, es ermutigt, es schenkt Hoffnung und öffnet die Augen neu für die Frohe Botschaft des Wortes Gottes. Er spricht achtsam, oft zärtlich, mit allen Lesenden und nimmt sich selbst nicht aus. (Beim Lesen habe ich schon an manche von Euch gedacht, die meine Begeisterung darüber, dass endlich ein Papst so schreibt, ganz sicher teilen werden. Inzwischen wurde mir das tatsächlich schon von einer Person bestätigt.) Weil Franziskus auch über die „Versuchung“ geschrieben hat, will ich einiges davon zitieren (S. 79-81):

 

Einer der ernsthaftesten Versuchungen, die den Eifer und den Wagemut ersticken, ist das Gefühl der Niederlage, das uns in unzufriedene und ernüchterte Pessimisten mit düsterem Gesicht verwandelt. Niemand kann einen Kampf aufnehmen, wenn er im Voraus nicht voll auf den Sieg vertraut. Wer ohne Zuversicht beginnt, hat von vornherein die Schlacht zur Hälfte verloren und vergräbt die eigenen Talente. Auch wenn man sich schmerzlich der eigenen Schwäche bewusst ist, muss man vorangehen, ohne sich geschlagen zu geben, und an das denken, was der Herr dem hl. Paulus sagte: „Meine Gnade genügt dir; denn sie erweist ihre Kraft in der Schwäche“ (2 Kor 12,9). Der christliche Sieg ist immer ein Kreuz, doch ein Kreuz das zugleich ein Siegesbanner ist, das man mit einer kämpferischen Sanftmut gegen die Angriffe des Bösen trägt. Der böse Geist der Niederlage ist ein Bruder der Versuchung, den Weizen vorzeitig vom Unkraut zu trennen, und er ist das Produkt eines ängstlichen egozentrischen Misstrauens.

Es ist offenkundig, dass an einigen Orten eine geistliche „Wüstenbildung“ stattgefunden hat … Auch die eigene Familie oder der Arbeitsplatz können diese trockene Umgebung sein, in der man den Glauben bewahren und versuchen muss, ihn auszustrahlen. „Doch gerade von der Erfahrung der Wüste her können wir erneut die Freude entdecken, die im Glauben liegt, seine lebensnotwendige Bedeutung für uns Menschen. In der Wüste entdeckt man wieder den Wert dessen, was zum Leben wesentlich ist; so gibt es in der heutigen Welt unzählige, oft implizit oder negativ zum Ausdruck gebrachte Zeichen des Durstes nach Gott, nach dem letzten Sinn des Lebens. Und in der Wüste braucht man vor allem glaubende Menschen, die mit ihrem eigenen Leben den Weg zum Land der Verheißung weisen und so die Hoffnung wach halten.“(Benedikt XVI.) In jedem Fall sind wir unter diesen Umständen berufe, wie große Amphoren zu sein, um den anderen zu trinken zu geben. Manchmal verwandelt sich das Amphoren-Dasein in ein schweres Kreuz, doch gerade am Kreuz hat der Herr, durchbohrt von der Lanze, sich uns als Quelle des lebendigen Wassers übereignet. Lassen wir uns die Hoffnung nicht nehmen!

 

Christoph: Von dem „Amphoren-Füllen“ auf Schloss Craheim habe ich gehört und mich sehr darüber gefreut. Das ganze Schreiben des Papstes ist eine Ermutigung für das, was Ihr gerade - an verschiedenen Orten in unterschiedlicher Weise - lebt als„augustinisch-unterwegs-Seiende“, als Messelhäuser, die jetzt die dort erlebte Botschaft weiter lebt. („Ich danke dir, mein Gott, von ganzem Herzen …“).

Durch die Fastenzeit und die Karwoche hindurch – in die Auferstehung unseren Herrn und Erlösers an Ostern –und erneut auf den Weg geschickt an Pfingsten (rechter Seitenaltar in derKirche von Messelhausen)!

 

Aus dem Schlussgebet des Papstes:

„Erwirke uns nun einen neuen Eifer als Auferstandene, um allen das Evangelium des Lebens zu bringen, das den Tod besiegt. Gib uns den heiligen Wagemut, neue Wege zu suchen, damit das Geschenk der Schönheit, die nie erlischt, zu allen gelange ....... Amen!"