Augustinus, Traktat über 1. Joh. 3,2

(Nokturn, Freitag 6. Wo d.J.)

Die Sehnsucht des Herzens drängt uns zu Gott (1 Joh3,2)

 

Was wird uns da versprochen? „Wir werden IHM ähnlich sein, denn wir werden IHN sehen, wie ER ist“ (1 Joh. 3,2).Die Sprache drückt es so gut wie möglich aus, aber das Übrige müssen wir uns im Geiste vorstellen. In der Tat, was schreibt Johannes in seiner Offenbarung über den, DER IST, oder was können wir als seine Geschöpfe wirklich über IHN sagen, die wir von seiner Größe so weit entfernt sind?

Gehen wir deshalb mehr nach Innen, um in Seinem Geist zu sein, den wir bei der Taufe durch die Salbung empfangen haben, jener Salbung, die uns im Herzen das lehrt, was wir mit Worten nicht ausdrücken können. Und weil ihr jetzt diese Vision nicht haben könnt, ist es eure Aufgabe, sie zu ersehnen.

Das ganze Leben eines Christen, der ein brennendes Herz hat, ist voll von heiliger Sehnsucht. Denn wenn du in heiliger Sehnsucht lebst, wirst du dich erfüllen lassen können von dem, was du ersehnst, aber jetzt noch nicht siehst, nämlich dann, wenn die Zeit der Vision für dich kommen wird.

Wenn du ein Gefäß füllen musst und weißt, dass es sehr sehr viel ist, was dir gegeben wird, wirst du versuchen die Kapazität des Sackes, des Schlauches oder irgendeines entsprechenden Behältnisses zu vergrößern. Indem du es ausdehnst, kann es mehr aufnehmen. In gleicher Weise verhält sich Gott.

Versuchen wir also in einem Klima der Sehnsucht zu leben, weil wir angefüllt werden müssen. Betrachtet den Apostel Paulus, der seine Seele erweitert, um das aufzunehmen, was kommen wird:„Brüder, ich glaube nicht, dass ich es schon erreicht habe“ (Phil 3,13).

Was tust du also in diesem Leben, wenn du noch nicht angekommen bist in der Fülle der Sehnsucht? „Eines aber tue ich: Ich vergesse, was hinter mir liegt und strecke mich aus nach dem, was vor mir ist. Das Ziel vor Augen, jage ich nach dem Siegespreis: der himmlischenBerufung, die Gott uns in Christus Jesus schenkt“ (Phil 3,13-14). Paulus erklärt damit also, zum Künftigen hin ausgerichtet zu sein und es in ganzer Fülle zu erstreben. Er war sich dessen bewusst,  jetzt nicht das erlangen zu können „was noch kein Auge gesehen und kein Ohr gehört hat, und was noch nie in das Herz eines Menschen gekommen ist“ (1 Kor 2,9).

So ist unser Leben eine Einübung in die Sehnsucht. Die heilige Sehnsucht wird umso erfolgreicher sein, je mehr wir die Wurzeln der Eitelkeit unserer Sehnsüchte ausreißen. Wir haben es schon an einer anderen Stelle gesagt, dass es zuerst notwendig ist leer zu werden, um uns dann füllen zu lassen. Du sollst vom Guten angefüllt werden,  also musst du dich vom Schlechten frei machen. Stell dir vor, Gott will dich mit Honig anfüllen. Wenn du aber voll bist mit Essig, wo sollte er den Honig unterbringen? Es ist also notwendig, das Gefäß von dem frei zu machen, was drinnen war. Man wird es sogar reinigen müssen. Und es mag sein, dass das Reinigen des Gefäßes Mühe und Anstrengung kostet, damit es dann auch wirklich etwas anderes aufnehmen kann.

Wenn wir von Honig sprechen, von Gold oder von Wein usw tun wir das nur, um uns auf jene einzige Wirklichkeit zu beziehen, die wir verkünden wollen, die aber undefinierbar ist. Diese Wirklichkeit nennen wir „Gott“. Und wenn wir „Gott“ sagen, was wollen wir da ausdrücken? Diese beiden Silben (lat: de-us; ital: Di-o) sind all das, was wir erwarten. Deshalb bleibt alles, was wir auch immer ausdrücken können, weit hinter der Wirklichkeit zurück. Strecken wir uns also aus nach IHM, damit ER uns anfüllt, wenn er kommt. „Wir werden IHM ähnlich sein, denn wir werden IHN sehen, wie ER ist“ (1 Joh 3,2).

 

Gebet:
Gott, du hast versprochen,  dass du in denen gegenwärtig bist, die dich lieben und die mit aufrichtigem und reinen Herzen dein Wort betrachten. Mache uns würdig, deine zuverlässige Wohnung zu werden. Durch Christus unseren Herrn.

 

Persönlich von mir, Christoph:

Mich spricht diese Predigt von Augustinus sehr an, weil sie Hilfe zu meiner Meditation und für vieles andere ist: Wie oft wünsche ich, dass mir etwas gelingen möge, aber es gelingt nur wenig oder gar nicht. Die Sehnsucht lässt mich weiter hoffen und vertrauen.

Die Dichterin Nelly Sachs formuliert es so: „Alles beginnt mit der Sehnsucht.“

Gerne und oft habe ich dazu die Geschichte von einem Rabbi erzählt: Der fragte den jungen Mann, der sein Schüler werden wollte, ob er denn an Gott glaube. Dieser muss verneinen. Nach kurzem Überlegen fragt der Rabbi weiter, ob er denn Sehnsucht danach habe, an Gott zu glauben. Da antwortet der Junge: „Ja, manchmal hat er diese tatsächlich. Doch dann kommen andere Dinge und er vergisst schnell, was da einmal war.“ Wieder geht der Rabbi in sich und fragt dann: „Hast du dennSehnsucht danach, Sehnsucht zu haben, an Gott glauben zu wollen?“ Da strahlte der junge Mann und sagte: „Ja, so ist es.“ Und der Rabbi antwortet: „Gut so, das genügt!“