Zweiter Sonntag nach Ostern, (12. April 2015)     

   Apg.4,32-35

   Gen.5.1-6

   Joh.20,19-31

 

Einführung:
 

Brüder und Schwestern


Im Evangelium vom Sonntag, in der Oktav von Ostern hören wir, dass Jesus Thomas einlädt, die Hand in die Wundmale seiner Hände, seiner Füße und in die Wunde seiner Seite zu legen. Auch wir können die Wunden Jesu anfassen, wir können sie wirklich berühren. Das geschieht jedes Mal, wenn wir gläubig die Sakramente empfangen. Deshalb sind wir hierher gekommen, um das Sakrament der Eucharistie zu feiern. Vor einigen Tagen haben wir in der Leidensgeschichte Jesu gehört: „Als sie aber zu Jesu kamen und sahen, dass er schon tot war, zerschlugen sie ihm die Beine nicht, sondern einer der Soldaten stieß mit der Lanze in seine Seite und sogleich floss Blut und Wasser daraus.“Jetzt, in der heiligen Messe, können wir die Frucht seines Todes essen und trinken, die aus seiner Seite fließt, und können so die Wunden des Auferstandenen berühren.

Heute feiern wir auch den Sonntag der Barmherzigkeit Gottes.

Vertrauen wir unsere Armut seiner Barmherzigkeit an und bitten demütig um Verzeihung unserer menschlichen Schwächen.

 

-Jesus, menschliches Herz der väterlichen Liebe für alle Menschen, erbarme dich unser.

- Christus, menschliches Gesicht der göttlichen Barmherzigkeit für die Sünder, erbarme dich unser.

- Jesus ausgestreckte Hand Gottes für so viele, die deinem Wort glauben und hoffen, erbarme dich unser


 

Zum Friedensgruß:


 

Lassen wir uns von der Barmherzigkeit Gottes umarmen, vertrauen wir seiner Geduld, die auch uns immer Zeit lässt; haben wir den Mut in seine Wohnung zurückzu kehren, in seinen Wunden der Liebe zu bleiben.

Spüren wir seine so wunderbare Zärtlichkeit, fühlen wir seine Umarmung. Dann werden auch wir zu größerer Barmherzigkeit, zur Geduld, zur Vergebung und zum Frieden fähig sein.


 

Predigt nach dem Evangelium:


 

Wer von uns kennt nicht die Angst? Gibt es jemanden, der vor nichts und vor niemanden Angst hätte? Ich kenne sie jedenfalls, die Angst. Ich kenne sie seit früher Kindheit. Es genügt da wohl schon zu wissen, dass ich während des zweiten Weltkrieges geboren bin. Die Angst hat mich durch mein ganzes Leben begleitet. Manchmal habe ich sie mehr, manchmal weniger gespürt. Und ich bin mir sicher, dass manche wenigerAngst haben und andere mehr. Aber im Grunde haben wir alle Angst.

Sicher gibt es auch Personen, die leichter an Gott glauben und andere, für die der Glaube sehr schwierig ist. Vergangene Woche sagte mir ein Mann: „Ich glaube nur an das, was ich sehe.“


 

Ich freue mich darüber, im Evangelium zu lesen, dass auch die ersten Christen schon so gewesen sind wie wir, die Christen von heute. So können wir durch ihr Beispiel viel Gutes lernen. Wir haben eben gehört: “Dort, wo sich die Jünger nach dem Tod Jesu aufhielten, hatten sie die Türen aus Angst vor den Juden verschlossen.“ Da sind sie also! Angst haben sie, große Angst. Und dann? Was wird passieren? Obwohl dieTüren verschlossen waren, trat Jesus ein, stand in ihrer Mitte und sagte zu ihnen: “Der Friede sei mit euch!“ Zweimal sagte er es. Er tadelte sie nicht mit Worten wie: “ich bin enttäuscht wegen eurer Angst, wegen eures Unglaubens.“ Nein, nicht so! Vielmehr begann er mit einem Segen: „Friede sei mit euch!“ Und dann: „Nachdem er das gesagt hatte, hauchte er sie an und sagte zu ihnen: „Empfangt den heiligen Geist!“


 

Liebe Christen, erinnert euch, wie die Geschichte des Menschen angefangen hat, aufgeschrieben im Buch Genesis: „Da formte Gott, der Herr, den Menschen aus Erde vom Ackerboden und blies in seine Nase den Lebensatem .So wurde der Mensch zu einem lebendigen Wesen.“ Aber hinter verschlossenen Türen zu sein und mit großer Angst zu leben, das ist nicht das wirkliche Leben. Deshalb schenkte Jesus diesen armen Menschen ein wundervolles Zeichen der Zärtlichkeit: Er hauchte sie an und schenkte ihnen so neues Leben, das Leben nach seinem Tod und seiner Auferstehung, ein Leben, das seine Jünger mit der Kraft des heiligen Geistes stärkte, mit Seinem Geist stärkte. Dieser Geist, Sein Atem, der Atem des Auferstandenen atmet jetzt in ihnen, das heißt auch in uns! Auch wir haben seinen Geist empfangen, der in uns atmet!


 

Deshalb lade ich dich jetzt - wenigstens für einen kurzen Moment - ein, deinem eigenen Atem zu lauschen, bewusst einzuatmen und auszuatmen, einatmen und ausatmen und wieder und wieder…: Es ist Christus in Dir, der Auferstandene!


 

„Ich glaube nur das, was ich sehen kann. “Auch dieses Beispiel ist schon im Evangelium aufgeschrieben: “Thomas, einer der zwölf, war nicht bei ihnen, als Jesus kam. Die anderen Jünger sagten zu ihm: Wir haben den Herrn gesehen. Er entgegnete ihnen: wenn ich nicht die Male der Nägel und meine Hand nicht in seine Seite lege, glaube ich nicht. “Wie viel Zärtlichkeit bietet Jesus auch ihm an, acht Tage danach: „Streck deine Finger aus, hier sind meine Hände! Streck deine Hand aus und leg sie in meine Seite, und sei nicht ungläubig, sondern gläubig!‘‘


 

Liebe Schwestern und Brüder, in der Hand des Thomas, der sich zitternd den Zeichen der Liebe näherte, sind alle unsere Hände vereint. Auch wir sind eingeladen, unsere Hände in die Wunden Jesu zu legen, um im Glauben gestärkt zu werden. Aus den offenen Wunden Christi fließt nicht mehr Blut, sondern Licht und Barmherzigkeit. Thomas genügt dieses Zeichen. Er gelangt vom Staunen zur Ekstase.

„Mein Herr und mein Gott!“ Mein, wie der Atem, ohne den ich nicht leben könnte, mein, wie das Herz, ohne das ich nicht wäre.


 


 

Als ich im vergangen Jahr in Cascia lebte, habe ich jenes Gebet in italienischer Sprache gehört, das ich von Kindheit an sehr oft während der heiligen Messe nach der Kommunion gebetet habe; ich habe es als Priester mit vielen alten und kranken Menschen gebetet, wenn ich ihnen die Kommunion in ihr Haus gebracht hatte. Ich möchte es auch jetzt beten, weil es mich an Thomas erinnert, der die Seite Jesu und seine Wunden berühren durfte. Vielleicht kennt ihr es auch und wollt es mit mir beten:


 

Seele Christi, heilige mich!

Leib Christi, erlöse mich!

Blut Christi tränke mich!

Wasser der Seite Christi wasche mich!

Leiden Christi stärke mich!

O gütiger Jesus, erhöre mich!
Verbirg in deine Wunden mich!

Lass nimmer von dir scheiden mich!


 

Vor dem Feind beschütze mich!

In meinerTodesstunde rufe mich
und heiße zu Dir kommen mich,
damit ich möge loben Dich
mit deinen Heiligen ewiglich.

Amen!


 

Liebe Leser in Deutschland!

Zum „ungläubigenThomas“ hatte ich am Tag nach dieser Predigt noch ein überraschend schönes Erlebnis: Bei wunderbarem Frühlingswetter schwang ich mich endlich einmal wieder - nach dem Winter - auf mein Fahrrad und ließ mich bergauf und bergab - völlig ohne Plan - nach Castelfiorentino führen. Dort hörte ich von einem Museum, das dem berühmten Künstler Benozzo Gozzoli gewidmet sei, der auch die Fresken über das Leben von Augustinus in unserer Kirche in San Gimignano gemalt

hatte. Diese Information lockte mich dann doch sehr an, obwohl ich sonst kein großer Museumsgänger bin. Und ich war schnell sehr, sehr begeistert, weil die Fresken aus der Blütezeit des Künstlers stammten und zu ihrem Erhalt mit großem Aufwand ins Museum gebracht worden waren. Eines von den Fresken stellt „Maria Himmelfahrt

 dar“.Überaus bereitwillig und freundlich erläuterte mir, dem einzigen Besucher des Museums, eine junge Frau, dass Thomas auch da, zu Maria Himmelfahrt, zu spät gekommen sei und den anderen gesagt habe, dass er nicht glauben könne, wenn er nicht etwas von Maria berühren dürfe. Und siehe da: Maria lässt vom Himmel herab ein Band baumeln, das Thomas berühren darf.

Ist das nicht eine schöne Geschichte?!? Sie soll aus den apogryphen Evangelien stammen, wie auch einige andere Szenen der Fresken von Benozzo Gozzoli. Gerne will ich sie interessierten Besuchern zeigen, wenn sie genügend Zeit mitbringen. Es lohnt sich wirklich, selbst schon die Fahrt dorthin über Höhen und Tiefen, auch wenn sie nicht mit dem Fahrrad zurückgelegt wird :-)). „Ben venuti!“